steine zazen

Zen im Rahmen der Familie

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Als ich mich zu dem Thema ‚Zen in der Familie‘ entschloss, fielen mir direkt viele kleine Episoden ein. Viele kleine Details, die das Leben im Zeichen des Zen deutlich machen. Die Begeisterung für Blumen und Farben, für Ordnung.

Es ist aber besser, vorne anzufangen. Ich mache jetzt seit etwa elf Jahren Zen-Meditation. Am Anfang fing ich in einer Gruppe in Dortmund an; meine jetzige Ehefrau war damals meine Freundin und Lebenspartnerin. Wir waren relativ kurz erst im tatsächlichen Berufsleben und hatten deswegen und eben, weil wir keine Kinder hatten, wenig Verpflichtungen.
Bevor ich mich mit Zen beschäftigte, verspürte ich mich innerlich hin und her geworfen und jeder Tag war existentiell und auch existentiell bedroht – allein schon durch die fragile Arbeitssituation, in der ich mich befand.
Ich wollte aufsteigen, es war aber schlechterdings unmöglich. Ich träumte von Vielem, erreichte aber aus eigener Kraft wenig.

Als ich das erste Mal Zen saß, war es in einem Park in Dortmund und es war ein leichter Versuch in schöner Idylle. Ein Paar, mit dem ich damals befreundet war, zeigte es mir und es war ein kleiner Hauch von Freiheit und ein kleiner Selbstversuch.

Ich übte einige Wochen, merkte aber, dass es zwar gut war, aber nicht ausgefeilt genug. Als ich die beiden nach mehr Technik fragte, nannten sie mir den Namen und den Ort desjenigen Lehrers, der es ihnen gezeigt hatte und ich ging hin.

Ich durfte sofort mitmachen. Es gab aber erst einmal keine Einführung, was ich damals gut fand. Ich wollte erst einmal in diese ‚Szene‘ hineinschnuppern, um zu gucken wie sich das anfühlte. Es fühlte sich, gerade, weil es sehr einfach und völlig unspirituell zu sein schien, sehr gut an. Es war sehr nüchtern:
Keine Räucherstäbchen, der Gong wurde ganz leise geschlagen, es wurde nur in der letzten der drei Meditationen ein bisschen frei vorgetragen.
Kurzum, ich hatte eine sehr einfache Aufgabe, nämlich die Haltung erst einmal zu erlernen. Es dauerte einige Wochen bis ich das einigermaßen hinbekam und dann kam der ersehnte Kurs, der mir in einfachen Worten zeigte, wie Zazen, denn nun eigentlich vonstatten ging.
Ich hatte vorher schon nicht an diesen Mittwochabenden gefehlt und ab dann in dem darauf folgenden eindreiviertel Jahr auch nicht – bis auf etwa drei oder vier vielleicht fünf Wochen, die ich im Urlaub war.

Ich fühlte mich von Anfang an bestens geführt. Ich fragte jede Woche den Lehrer eine Frage und versuchte die Antwort zu verstehen und zu verinnerlichen. Es ging dabei in den ersten Monaten in erster Linie um die Körperhaltung. Danach ging es um Lösungen von Problemen, die mit dem Zazen direkt zu tun hatten und bei mir individuell verknüpft waren.

Warum erzähle ich diesen Anfang? Weil es um die Stille ging. Es war so, als wenn ich in dieser Haltung unter der Stille fast zusammenbrach. Das schwankende Rohr, dass ich im Gefühlsleben war, war ich mit einem Mal mit dem Körper. Ich konnte einfach nicht stillsitzen.
Es wurde aber langsam mit den Wochen und Monaten besser.

Wenn man nun den Ehrgeiz entwickelt, wenigstens dieses Sitzen hinzubekommen, und meint, dass in der Welt wenigstens diese eine Haltung erlernt werden könne, dann geschieht es, dass man davon mit anderen spricht.

Ich unterhielt mich also, erst mit Christiane, meiner jetzigen Frau, und dann auch mit Freunden. Ich unterhielt mich auch nach dem Zen auf den Rückfahrten meiner kleinen Fahrgemeinschaft; Allerdings möglichst zurückhaltend, denn ich wußte, dass Zen Schweigen bedeutet.

Ich fing an, Bücher über Zen zu lesen.

Einmal die Woche Zazen ist allerdings zu wenig, um die Methode zu erlernen und mit dem ganzen Dasein zu verwirklichen, und so kam es, dass ich sehr schnell nach wenigen Wochen dreimal pro Woche auch zu Hause im Zenstil saß.

Wenn man aber dreimal pro Woche abends Zazen übt und einmal zusätzlich in die Zengruppe geht, dann hat man weniger Zeit für Kneipengänge, Freunde besuchen und so weiter: Das soziale Leben verändert sich allmählich.

Und, da mich dieses Thema wirklich interessierte, merkte ich, dass die Gespräche von Freunden eine andere Wertung bekamen.

Ich schnappte mir spirituelle, christliche Literatur, und zwar Mönchsliteratur, und wurde fündig. In beiden Traditionen, der christlichen und buddhistischen Mystik, wurden genau die Verhaltensweisen Anderer, mit denen ich nicht zurecht kam, kritisch betrachtet.

Gerade deswegen, versuchte ich für mein Thema zu werben, gerade deswegen konnte ich mehreren Menschen die Grundhaltung beibringen, gerade deswegen wurden die Menschen in ihren Okkupationen vorsichtiger, denn ich antwortete mit spirituellen Themen.

Ich wurde genau über diesen Weg stiller. Ich fand Gefallen an den Farben, an den Strukturen in der Natur, an den leisen Dingen und an den kleinen Dingen. Meine Freunde kamen immer besser ohne mich aus, wir blieben uns dennoch emotional verbunden.

Es gab ein paar Versuche mich aus diesem Lebensweg, den ich einschlug, heraus zu bringen. Ich wußte mich aber im Einvernehmen mit zwei uralten und bis heute lebendigen Traditionen. Ich wußte irgendwann, dass die Kompetenz der Anderen für vieles galt, aber nicht für diesen Weg.

Christiane machte ein paar Mal mit, wir fanden aber unsere gemeinsamen, spirituellen Berührungen in der Natur ohne Meditation.

So wurde mein Weg solitär. Je mehr ich alleine sein konnte, desto mehr wurde mein Weg standhafter und fester. Irgendwann merkte ich, dass die Schwankungen in meinem Gemütsleben teilweise von dem Bemühen herrührten, den Schwankungen anderer zu antworten. Ich wurde still.

Ich entwickelte mich und ich beschloss, diesen spirituellen Weg wirklich zu gehen. Meine geistigen Fähigkeiten, die vorher schon nicht so schlecht waren, wurden rasch schneller, leichter und wesentlicher. Meine Gefühle wurden konstant und intensiver. Mein Körper wurde kräftiger und stabiler. Ich wurde stark.
Die Kommunikation wurde von mir gelenkt und ich wurde kompetenter.

Mit wem maß ich mich? Ich orientierte mich an den Schriften vieler Jahrhunderte.
Wer oder was ist das Maß?
Über diesen Prozess wurde ich gottgläubig.

Im Laufe dieser Zeit geschahen allerdings auch sehr weltliche Dinge. Ich heiratete, ich kam in eine Leitungsposition. Ich bekam ein Kind, nachher noch ein zweites. Und wir haben mittlerweile ein Haus.

Wenn man nun ein Haus mit Garten hat, verheiratet ist, zwei Kinder hat, in einer Leitungsposition ist, dann bedeutet das, dass man eine Menge zu tun hat. Es bedeutet Arbeit, Koordination, Geschrei, Fürsorge, Absprachen, wenig Eigenes und wenig Kontemplatives. Betrachtung, Beschauung, Zenordnung und Stille, ein geruhsames Leben, dass sich dem Inneren zuwendet, sieht anders aus.

Es gibt also mit einem Mal eine doppelte Leistung, die man erfüllen muss, nämlich ein aktives und ein kontemplatives Leben und zwar in einem Alltag, der sich in nichts von dem unterscheidet, wie es die Nachbarn haben, Freunde oder wer auch immer. Ich musste also eine doppelte Leistung erbringen.

Nun sehe ich jetzt nach elf Jahren, dass ich das nicht sofort erbringen musste, sondern dass ich den Weg kontinuierlich ausbauen konnte. Wenn ich mehr wollte oder brauchte, konnte ich quantitativ für den Weg mehr tun. Die Meditationszeiten wurden länger, die Besuche bei anderen Menschen effektiver. Die Bedürfnisse nach den herkömmlichen Genüssen wurden weniger.

Wie aber sieht nun so ein Alltag aus oder, besser gesagt, könnte er aussehen?

Ich stehe morgens vor sechs Uhr auf, heize im Winter den Ofen an, koche mir einen dreiviertel Liter Tee und lese. Früher nahm ich mir etliche Stunden am Tag Zeit für die Lektüre geistiger Schriften, heutzutage, müssen eine Viertel bis halbe Stunde morgens und noch mal eine halbe Stunde abends reichen. Wichtiger ist, dass der Geist geläutert bleibt. Was heißt das aber? Es heißt, dass man ruhig und still werden kann. Es heißt weiterhin, dass die Sinneswahrnehmung bestens funktionieren sollte. Das Denken muss so lange geklärt werden, bis es einwandfrei eingesetzt werden kann.
Alleine deswegen ist Zazen direkt im Anschluss an die morgendliche Lektüre notwendig. Nach vierzig Minuten Zazen kann der Tag endgültig beginnen. Ich wecke die Familie und gehe dann duschen.

Die Stille während des frühen Morgens weicht jetzt der Geschäftigkeit der beiden noch jungen Kinder. Die Kinder sind selbstverständlich weitestgehend personenbezogen. Gerade der Jüngste, der wenig älter als ein Jahr ist.
Das bedeutet eine permanente Aufmerksamkeit für den Kleinen und eine sich häufende Strukturierung des Älteren.

Die Kinder werden sauber gemacht, angezogen, müssen frühstücken und dann geht es los. Der Fünfjährige muss in den Kindergarten.

Seit Jahren gibt es dann danach ein in irgendeiner Weise werktätiges Leben. Das heißt, den Alltagsanforderungen, die der Tag mit sich bringt, müssen entsprochen werden. Die wichtigsten Dinge zuerst.

Nehmen wir an, es wäre ein Tag für Gartenarbeit. Es gibt viel zu tun, auch in einem kleinen Garten.

Es wird auf der Hälfte des Tages etwas gekocht, in diesem Sommer zu einem größeren Teil mit Zuhilfenahme unseres kleinen Nutzgartens. Nachmittags wird weiter gearbeitet. Abends um sechs Uhr läuten die Glocken: das Zeichen, dass der werkseitige Teil des Tages vorbei ist.

Wenn man genau auf den Klang der Glocken hört, wenn er erklingt, verbindet man sich auf Dauer mit ihm. Man nimmt ihn nicht als beliebig, sondern als vertraut an. Er löst eine Reaktion, eine Bereitschaft aus, genauso wie der Gongschlag in der Meditation.
Die Glocken haben über ihr Läuten etwas, dass die Gemeinschaft verbindet, weil sie von allen zeitgleich gehört werden und bei genauem und wiederholtem Hinhören, neben der Identifikation mit dem ‚Signal‘ selber auch eine Reaktion auslösen.
Ich, der ich nicht einer solchen Gemeinschaft im persönlichen Kontakt angehöre, fühle mich trotzdem verbunden mit dieser uralten Tradition. Ich habe die Empfindung, es sei schon immer so gewesen. Es ist jetzt so, es wird auch in naher Zukunft so bleiben. Irgendwo in meinem Städtchen gibt es bestimmt noch ein paar Menschen, die genauso empfinden – und genauso handeln.

Ich packe also die Gartenwerkzeuge zusammen, und decke den Tisch. Sehr wichtig ist mir mittlerweile, dass ich den Tag über vornehmlich Stilles Wasser trinke. Es vitalisiert auf Dauer am besten und hilft, dass sowohl der Körper sich am wohlsten fühlt, als auch das Denken ohne Belastung stattfinden kann.
Bei näherem Nachdenken ist dies auch völlig logisch und meine Familie macht beim Wassertrinken mittlerweile mit.

Was kommt eigentlich auf den Tisch? Was kommt eigentlich auf den Teller? Ich esse jeden Tag morgens und abends Brote, in einem für mich ausgewogenem Verhältnis aus Wurst, Käse und Süßem. Ich esse also jeden Tag bei jeder Morgen- oder Abendmahlzeit aus diesen drei Lebensmittelbereichen etwas aufs Brot.

Danach werden die Kinder bettfertig gemacht. Erst der Jüngere, dann, direkt im Anschluss, der Ältere.

So weit ich mich durchsetzen kann, immer zur selben Zeit. Danach kehrt Stille ein. Ich höre selten Musik, gucke kein Fernsehen, sondern lese erneut, wie morgens, eine Kleinigkeit oder sitze auch einfach rum und warte darauf, dass mein Körper sich ein bisschen selber reguliert.

Die Stille wird von mir als sehr intensiv empfunden. Ich bin der Stille bedürftig. Mein Körper heilt von der Anstrengung des Tages in diesen Zeiten. Es gibt einen Punkt, an dem bin ich dann wieder bereit, etwas zu tun. Meistens gucke ich dann, wie oben schon gesagt, in ein Buch. Jetzt gerade schreibe ich. Das tue ich nicht so oft, ist aber auch wichtig.

Es kommt etwa zwischen neun und zehn Uhr wieder die Zeit für Zazen. Während ich mich morgens ein paar Mal niederwerfe (Sampai) und nachher noch eine kurze Weile stehen bleibe (eine kleine Übung für den Stand im Leben), gehe ich abends danach zügig ins Bett. In der Regel spätestens kurz vor elf Uhr.

Manchmal ist eine Nacht mit wenig Schlaf dran, dann meditiere ich noch einmal kurz und hoffe, dass ich dann endlich wieder schlafbereit bin.

Das ist also der Tag, wie ich ihn absolviere. Die Leselektüre ist aber auch wichtig. Nur Leerwerden alleine hilft nicht viel. Ich brauche auch Inhalte, Anforderungen für mein Denken, und Hilfen zur Verarbeitung von lebensgeschichtlich Bedeutsamem. Hier helfen mir drei Wissensgebiete: Antike und (mittelalterliche) Philosophie, christliche Theologie und Zenbuddhismus, je nach Bedarf.

Wie hat sich meine Wahrnehmung durch Zen verändert? Alle meine Sinnesempfindungen kann ich heute besser und intensiver, d. h. auch mit mehr Tiefe wahrnehmen.
Ich bin zufrieden, wenn ich nach einer gelungenen Meditation eine Grünteeschale auf einer groben Matte sehe. Wie sich die Farben harmonisch zusammenfügen und eine Einheit bilden, obwohl jeder Gegenstand klar und präzise wahrgenommen werden kann, hat was. Jede einzelne Welle der Matte zaubert eine Möglichkeit zur klaren und individuellen Einprägung. Dadurch aber, dass im Zen die Dinge ‚gleichrangig‘ betrachtet werden, ist es ein wundersames, aber klares Erleben einfachster Gegenstände.
Das Wunder, welches sich hier im Visuellen und im Kleinen abspielt, erfährt seine Wiederholung im gesamten Leben:

Wenn man seit vielen Jahren intensiv und häufig praktiziert, kommt man bei richtiger Praxis in die Praktizierweise des Shikantaza. Die Zenmeditation wird trotz großer und intensiver Praxis normal. Das ganze Leben wird durchdrungen von dieser Praxis, einfach dadurch, dass man die Bemühung der Zenhaltung zu jedem Zeitpunkt praktiziert. Die Zenmeditation hat eine Tiefen- und Längenwirkung, die für den ganzen Tag reicht und irgendwann die Nacht mit einschließt.

Jeder Tag, der sich so hintereinander reiht, jede einzelne Phase des Lebens – auch innerhalb eines Tages oder weniger Tage – reiht sich gleichrangig und gleichwertig aneinander, wie einzelne Perlen auf einer Kette, die unser Leben selber ist. Jede einzelne Perle wird intensiv empfunden, jede Perle hat Seinsintensität und Bedeutung, dennoch ist jede Perle, wenn sie vorbei ist, hinter sich gelassen und die nächste Perle liegt in der Hand der Kräfte und Mächte, die wir selber sind und die uns umgeben.

Ich glaube, dass mancher intensiver Rosenkranzbeter für die Zeit des Rosenkranzes, und mancher Mensch, der das Jesusgebet betet – überhaupt jeder mit einem Immerwährendem Gebet – einen ähnlichen Daseinszustand erreichen kann. Der Unterschied liegt darin, dass im Zen keine aktive Denkbewegung nötig ist, was, meiner Ansicht nach, mehr ist.
Ich bin offen und frei für jede Situation, während Immerwährendbetende neben dem Gebetsinhalt im Alltag einen anderen Denkinhalt gleichzeitig denken müssen. Und bei dem Zusammenfallen von Immerwährendem Gebet und Wahrnehmung, diese beiden eigentlich keinen gemeinsamen realen Bezug zur Situation haben. Das Gebet hat so direkt mit beispielsweise der Wahrnehmung beim Spaziergang im Wald nicht viel zu tun. Die Person erbringt dort also eine doppelte Leistung.
Das Immerwährende Gebet will diese Art des Praktizierens aber auch gar nicht erfüllen, es ist in erster Linie Anbetung.

An dieser Stelle sei aber auf Franz Jalics verwiesen, der am Ende seiner christlichen ‚Kontemplativen Exerzitien‘ in die Stille und das Schweigen münden möchte und gerade jegliches Worthafte deswegen sein lässt.
Die Frage, die sich dann stellt, ist, ob er selbst mit seinem Dasein Wort, also Ausdruck und Gestalt und Form geworden ist. Er praktiziert dann allerdings, in dieser idealen Form, nicht mehr worthaftes Gebet, sondern echtes und tiefes Schweigen.
Er ist dann, um es an dieser Stelle zu betonen, kein Zenmensch, sondern er hat durch seine Praxis eine spezifisch christliche Gestalt verwirklicht.

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