Winterdepression: Das Saisonale Syndrom der affektiven Störung

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Unlust am Winteranfang muss nicht gleich eine Winterdepression sein, aber wer sie hat, braucht professionelle Hilfe. Es reicht nicht, sich unter die Lichtröhre zu legen, meint Salina Campiti, Psychologin aus Mailand.

Mit dem Begriff saisonal-affektive Störung (auch SAD von Seasonal Affective Disorder; saisonal abhängige Depression), landläufig als Winterdepression bekannt, bezeichnet man eine besondere Form der affektiven Störungen, deren Symptome typischerweise im Herbst oder am Winteranfang auftreten, und die sich im Frühling wieder mildern.
Es wäre also korrekter, den Angaben des Diagnostischen und Statistischen Handbuches Psychischer Störungen (DSM IV-TR) folgend, von einer saisonal auftretenden schweren depressiven Störung zu sprechen. Diesen Aspekt möchte ich hervorheben, denn in der Literatur wird die Winterdepression oft als eigenständige Störung behandelt, und man begegnet ihr gelegentlich mit weniger Ernsthaftigkeit, da sie „nur“ saisonal auftritt. Ich plädiere dafür, sie angemessen einzuordnen, um die passenden therapeutischen Maßnahmen ergreifen zu können.
Epidemiologische Untersuchungen haben ergeben, dass rund ein Viertel der Bevölkerung jahreszeitlich bedingte Stimmungs- und Gewichtsschwankungen, Änderungen im Schlafrhythmus und der Aktivität im sozialen Bereich und bei der Arbeit durchlebt, und dass bei einem Viertel dieser Betroffenen die Symptome so schwer wiegen, dass man eine Winterdepression diagnostizieren kann. Diese Störung betrifft vor allem Frauen (etwa 80% der Fälle) zwischen 20 und 40 Jahren. Dabei ist es nicht leicht, die wahre Häufigkeit abzuschätzen, denn oft werden die Symptome als eher mild wahrgenommen und nicht angegeben.
Wer unter diesem Typ der Depression leidet, gibt neben der depressiven Stimmung erhöhte Angst und Irritierbarkeit, aber auch Müdigkeit bzw. Erschöpfung oder Energiemangel und Schlafstörungen an, was üblicherweise mit einer Verlängerung der Schlafdauer zusammenfällt. Außerdem leiden die Betroffenen an allgemeinem Desinteresse und Unlust, signifikanten Schwierigkeiten im beruflichen und sozialen Umfeld; dazu kommen psychosomatisch bedingte Symptome wie Kopfschmerzen oder Muskelverspannungen. Oft gehen diese Symptome mit einer Veränderung der Ernährungsgewohnheiten einher – gesteigertem Verzehr von Süßspeisen und Kohlehydraten mit entsprechender Gewichtszunahme.
Wahrscheinlich werden viele von uns nach der Überprüfung dieser Symptome glauben, an dieser Krankheit zu leiden. Das würde mich nicht wundern! Tatsächlich werden die Tage kürzer und grauer, es wird kälter – und somit steigt die Wahrscheinlichkeit, müde oder gleichgültig zu sein, kurz: mit dem Wunsch aufzuwachen, den Tag im Bett zu verbringen. Das allein bedeutet allerdings noch nicht, dass wir depressiv sind. Um zu einer solchen Diagnose zu kommen, müssen die Symptome schon eine signifikante Schwere aufweisen und somit eine dauerhafte Beeinträchtigung unserer Befindlichkeit. Dies bedeutet, dass die Symptome quasi den ganzen Tag anhalten und sich negativ auf die Qualität unserer Beziehungen und Arbeitsleistung auswirken.
Die Zyklizität der Krankheit hat das Interesse der Forschung auf sich gezogen. Viele Studien kommen zu dem Ergebnis, dass sie von Hormonschwankungen begünstigt wird oder von chemischen Reaktionen, die den circadianen Rhythmus steuern, der davon abhängt, wie viel Sonnenlicht der Organismus ausgesetzt ist. Insbesondere Melatonin-Schwankungen gehen regelmäßig mit psychischen Störungen einher, wobei eine erhöhte Konzentration des Moleküls manische und ein geringes Vorkommen depressive Phasen kennzeichnet. Es ließ sich jedoch bisher nicht belegen, dass diese Schwankungen ursächlich für die Störungen sind.
Andere Fakten bestätigen eine gewisse genetische Disposition für die saisonal affektive Störung und andere pathologische Stimmungsschwankungen. Diese Ergebnisse erscheinen mir besonders interessant, denn ich glaube, dass in manchen Jahreszeiten tatsächlich Schwermut gewissermaßen „in der Luft liegen“ kann, dass diese aber erst dort virulent wird, wo sie auf fruchtbaren Boden trifft. Unsere Lebensgeschichte macht uns mal mehr, mal weniger anfällig für eine Depression. Schwermütige Episoden in der Kindheit, die nicht unbedingt physisch bedingt sein müssen, legen mitunter den Grundstein für eine Depression im Erwachsenenalter. Meiner Meinung nach erklärt dies auch die Unterschiedlichkeit, mit der jede Person auf den Wechsel der Jahreszeiten reagiert.
Mein Rat ist es, dem Unbehagen eine Stimme zu leihen, auch wenn dies schwerfallen mag. Wenn Du den Wunsch hast, eine Veränderung herbeizuführen, wende Dich an einen Psychotherapeuten, um mit ihm den Charakter Deines Problems herauszuarbeiten. So hast Du meines Erachtens die besten Chancen, die Ursachen zu erkennen, die so gleich und doch bei jedem Menschen so verschieden sind – und endlich Deinen Kalender umzuschreiben.

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