Marokko 2011 mit Elio

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Das heißbegehrte Abendessen im Restaurant (ein Geheimtipp) wird nicht stattfinden (man gibt uns keinen Sitzplatz) und deswegen begnügen wir uns mit einer Pizza daheim bei Lu Andrea. Nach einigen Stunden Schlaf begleitet uns Andrea (ganz schön eng in einem Auto zugelassen für eine Person) nach Cascina Gobba. Nach kurzer Wartezeit, die in uns schon an der Ankunft vom Bus zweifeln ließ, kommt er angefahren. Wir erreichen den Flughafen, frühstücken und begeben uns zum Check-in. Unsere Idee: Eine Flasche Whisky zu kaufen, um sie irgendwo auf den schäbigsten Märkten von Marokko gegen irgendetwas Brauchbares zu tauschen; Leider habe ich in der Duty-free-Zone den Flugschein nicht dabei und folglich kann die Flasche nicht gekauft werden. Nun gut, was mich aber am meisten erschüttert, ist, dass man mich danach nach der Stempelmarke im Reisepass* fragt! Mich! Nach beinahe zehn Jahren Reisen ohne! Der Beamte bleibt beinhart. Ich besorge sie mir für ….40,29 Euro! Gott sei Dank habe ich genügend Bargeld bei mir. Ich erinnere Elio in den nächsten Stunden alle 20/30 Minuten an diese Unverschämtheit, und verlängere das Intervall dann nach und nach . . .

Angekommen in Marrakesh, nehmen wir ein Taxi Richtung Stadtzentrum, zu meinem favorisierten Hotel. Es findet derzeit das Filmfestival von Marrakesh statt und ich habe etwas Angst um das Zimmer. Während wir versuchen, den Platz zu überqueren, gelingt es mir erfolgreich, aufdringliche Schlangenbeschwörer abzuwimmeln. Jedoch als ich mich umdrehe, sehe ich Elio: Eine Schlange um den Hals und einen Affen auf dem Arm …
Die Übereinkunft mit Elio hinsichtlich Hotel war folgende: „Wohin auch immer, Hauptsache es gibt dort eine warme Dusche“. Im Hotel meines Vertrauens angekommen, empfängt uns ein Herr – wobei wir bald feststellen, dass er ein Problem mit seinem Gedächtnis hat. Ein Zimmer gibt es noch. Spartanisch, aber geschmackvoll eingerichtet: Zwei Betten, Tisch, Waschbecken und Bidet, ein Fenster Richtung Platz, eine Tür mit zweifachem Riegel und ein großer Schrank mit einem Schlüssel! Was will man mehr im Leben? Eine warme Dusche natürlich!

Wir verlassen das Hotel und ich bringe Elio zum Bazaar. Ich zeige ihm einige Karavansereien. Bei einer traditionellen Apotheke machen wir Halt. Ein junger Mann zeigt uns die verschiedenen Gewürze und Heilmittel, außerdem natürliche Farben, die man für dies und jenes verwendet (z.B. unterscheidet sich der rote Farbstoff zum Färben der Haut von dem zum Färben der Lippen). Er ist ein junger Mann, gekleidet in weißer Gilaba, mit weißer Mütze, Tennisschuhen und einem krausen aber nicht sehr dichten Bart. Am Ende unserer Reise wollen wir Ihn nochmals aufsuchen, jedoch treffen wir ihn nicht mehr an. Ohne etwas zu kaufen verabschieden wir uns mit großer Höflichkeit und gehen weiter. Kurz darauf betreten wir ein traditionelles Haus das eine Ausstellung von Erzeugnissen einer Gemeinschaft von Kunsthandwerkern beherbergt. Der Besuch erweist sich als äußerst interessant, da mir Gelegenheit geboten wird, Elio die Bauweise der traditionellen Häuser mitsamt Dekorationen und Garten (häufig wird das muslimische Paradies dargestellt, mit den vier Flüssen und den bewaldeten Teilen) näher zu bringen. Gleich danach gehen wir in ein Geschäft in dem Holzkunsthandwerk gehandelt wird. Der Verkäufer will uns unbedingt zu einem Kauf überreden und es wird uns zu bunt.
Wir verlassen den Marktbereich nahe Moschee X und kaufen das Notwendige für eine Halbmittags-Tüte bei einem Obsthändler; auch deshalb, um quantitativ gerüstet zu sein und eine gewisse Auswahl zu haben. Zu Mittag gehen wir in ein sehr einfaches Lokal und essen Brot mit Omelette, Salat, Reis (!?), dazu verschiedene Soßen und Fleischspießchen. Die Einrichtung: Zwei schmale Tischchen entlang der Mauer, dazu einige hohe Barhocker. Oberhalb der Tische sind zwei große Spiegel angebracht, einer neben dem anderen. Hinter unserem Rücken (in den Spiegel blickend somit vor uns) ein Mädchen mit wildem, langem Haar, Minirock und Stiefeln. Sie wirft Elio so manchen wohlwollenden Blick zu, sodass er zunächst etwas unruhig wird und dann immer mehr. Das Lokal verlassend waren wir beide ziemlich bewegt: Die Frau war einfach schön! Wie dem auch sei, unser nächster Schritt: Eine Nachmittagstüte im Hotelzimmer. Auf dem Weg ins Hotel werden wir in eine Apotheke geführt, die seit Generationen von derselben Familie geleitet wird. Man klärt uns ausführlich über verschiedene Heilpflanzen auf, zeigt uns Gewürze gegen Erkältungen, gegen Kopfschmerzen und natürliches Viagra (jede Kultur hat ihr eigenes). Danach geht es ab ins Hotel, eine Ladung mäßig befriedigender Joints rauchen und dann machen wir uns auf die Suche nach einer Landkarte. In einer Reiseagentur werden wir fündig. Serkou hilft uns, die Fahrtzeiten der Überlandbusse zu finden und gibt uns eine Stadtkarte (in sehr schlechtem Zustand, aber immerhin mit einigen Hinweisen). Zurück im Hotel ist es nun Zeit für die ersehnte Dusche. Wird sie Eliots Grundbedingung erfüllen? Ja vielmehr, kann das Hotel (eins von Claudios Favoriten) Elio zufriedenstellen?
Nun gut, die Dusche gibt’s, aber sie ist nicht warm. Der Rezeptionist versucht, sich auf ein Missverständnis rauszureden, aber Elio will nichts davon wissen; Wir haben für die warme Dusche bezahlt und wir wollen sie haben. Der Herr will uns das Extrageld für die warme Dusche zurückerstatten, auch will er noch einige Dirham dazulegen, als das Problem endlich eine Lösung findet: Es kommt jemand, der etwas Englisch spricht — Während der Boiler aufheizt, machen wir uns auf die Suche nach einem Hammam; Jedoch finden wir keinen, kommen zurück ins Hotel und die warme Dusche erwartet uns schon.
Eliots Erfahrung: Ich gehe hinein und sage mir: Ich Armer! Warum muss ich mit dieser Dusche Vorlieb nehmen anstatt mit einem schönen warmen Bad, worin das Fenster aus Glas besteht?
Claudios Erfahrung: Eine wirkliche Herausforderung! Toll gemacht, Jungs! Das Wasser war warm, aber etwas frisch. Die Dusche war mickrig, darin ein großer Eimer, der übermäßig viel Platz einnahm. Dieses Hotel erweist sich nochmals als die große Wahl!
Außerdem habe ich das Handtuch im Zimmer vergessen und bin gezwungen, halbnackt durch die Gänge des Hotels (ohne Türen) zu laufen.

Als nach dem Duschen die Wahl des Restaurants Elio trifft, möchte er sich auf den Tipp von Lonely Planet einlassen. Auf dem Weg gesellt sich jemand zu uns. Um ihn abzuwimmeln, gehen wir zurück. Er folgt uns, und zu guter letzt bittet er uns um Geld. Elio ist sauer. Schlussendlich gehen wir auf den Je mal Fnaa-Platz um zu essen. Wir gehen die Essensstände ab. Es gibt dort allerhand Gerichte: Gekochtes Fleisch, Frittiertes oder Grillteller und einen Bereich mit gekochten Schnecken. Ich will Elio gekochten Schafskopf probieren lassen, aber dann halte ich das für verfrüht. Wir wählen einen Stand, der von Grill-Rauch eingenebelt ist. Wir sehen uns um, was angeboten wird. Nach ein paar Oliven als Einstieg bestellen wir Würste, verschiedene Fleischspießchen, getoastetes Brot mit Knoblauch und eine Tajin mit Hühnerfleisch. Wir setzen uns zwischen zwei Gammler und vier Spanierinnen. Die Gammler gehen weg und bevor wir uns wieder hinsetzen können, setzen sich flink drei junge Burschen auf unsere Plätze! Noch unser Essen kauend, stehen wir nun. Elio dreht beinahe durch und stellt klar: Falls wir auf eins, zwei, drei nicht sitzen, geht es rund. Der Standbetreiber bringt eine Sitzmöglichkeit neben den Jungs an und so haben wir wieder Platz. Alles scheint wieder in Ordnung zu sein, aber plötzlich beginnen die Spanierinnen an unserer Seite (besoffen, bekifft oder einfach nur dumme Gänse) mit einem Riesengelächter! Sie sind dabei, sich totzulachen! Eine hält sich den Bauch, eine andere hat Tränen in den Augen. Elio, mit vollem Mund “sta mi u cacavanu”** und “ca poti ridire così, li morti toi?” Als sie mit dem Gelächter fertig sind, gehen sie weg. Als Elio bezahlen will, stellt er fest, dass ein Junge ihm in die Brieftasche lugt und seinen Kumpel auf etwas hinweist; Sofort glaubt er, man will ihn bestehlen und fängt ein Geschrei mit den Jungs an. Das Ganze wird von Elio durch ein “vaffanculo a mammata tie e l’amicu tou” beendet, indem er sich drohend vom Tisch erhebt, und dabei auch direkt seinen Freund anfährt, der noch versucht, ihn zu verteidigen und zu entlasten (ohne etwas getan zu haben, vergessen wir das nicht).
Aufgestanden vom Tisch, gehen wir in den Bereich wo es Gewürztees gibt und wir trinken einen mit Zimt, Nelken und Ingwer, dazu ein Dessert: Kokosbällchen mit Gewürzen und Kakao. Für später im Zimmer nehmen wir noch Aprikosen (sehr geschätzt von Elio) und Datteln mit.
Der Satz des Tages: “ma me potenu cacà lu cazzu tuttu lu giurnu a stà manera?” Die größten Nervensägen sind die alten Frauen, die dich nach Almosen fragen und von hinten an deiner Jacke ziehen. Am Morgen erklärt Elio einfühlsam einem hartnäckigen Kind, dass er “cacà lu cazzu ca nu hia nienzi”. Am Nachmittag wird er als Mafiosi betitelt.
Tagesprogramm für morgen: Ville Nouvelle, Einkauf von schwarzen balsamischen Körnern.

04. Dezember
Vier Dinge sind zu erledigen: Geld wechseln, überlegtes Shoppen, den Fahrplan vom Autobus überprüfen und die Neustadt besichtigen … Ich wasche vorher noch einige Dinge, dann gehen wir los. Wir gönnen uns einen frischgepressten Orangensaft und peilen dann den Gewürzhändler vom Vortag an; Der Junge ist leider nicht da, trotzdem kaufen wir Parfums, Fischgewürze und schwarze balsamische Samen; außerdem einige Täschchen und einen Schal (Ich verhandle derart hartnäckig, dass sogar die Händler mir Komplimente machen).
Wir bezahlen das Hotel und gehen. Wir treffen wieder auf Serkouh, peilen dann einen Autobus Richtung Ville Nouvelle an und beschaffen uns auf dem Busbahnhof die Tickets. Von dort aus (wir verlassen uns auf Serkouhs Karte) gehen wir eine namenlose Straße entlang, die einer Umfahrung ähnelt. Wir sind auf der Suche nach einem Ort, wo wir essen können. Wir verlassen genannte Straße und gehen in ein Fast-Food-Lokal. Elio gibt sich Fleischspiesschen und Kartoffeln, ich esse Taijin mit Rindfleisch und Gemüse, dazu gibt es noch einen kleinen Teller mit Safranreis und einigen Oliven. Nach einigen Umwegen erreichen wir Place 16 Novembre. Der Platz erstreckt sich um eine große Kreuzung zweier Straßen, die nicht im rechten Winkel zueinanderstehen.
Südlich der Kreuzung befindet sich ein großer Halbkreis unter viel Sonne und mit Brunnen (wir malen uns aus, wie er im Sommer wohl Frische spendet). Gleich neben dem Brunnen gibt es einen botanischen Garten. Wir bemerken verschiedene Olivenbaumsorten mit grünen Blättern und rückseitig silberfarben (wie bei uns), aber auch andere mit der Blattrückseite in grün. Wir treffen auch auf so einige verschiedene Straucharten und Palmen. In der Mitte des Parks befindet sich ein als Bibliothek genutzter Bus: Der Bibliobus. Es handelt sich um eine Initiative der Regierung, die bezwecken soll, jungen Leuten das Lesen schmackhaft zu machen. Auf den Umschlägen lesen wir verschiedene Titel, die meisten davon eben an ein jüngeres Publikum gerichtet. Der Bibliobusfahrer gibt uns zwei großformatige Bücher mit Fotos über Marokko in die Hand und während wir blättern reden wir über die Initiative und über das Land im Allgemeinen.
Sowohl auf dem Platz vor dem Park, als auch im Inneren sehen wir Skater, innen Inlineskater und außen Skateboarder … Nachdem wir den Park verlassen haben gehen wir zu Fuß Richtung Zentrum. Innerhalb der Stadtmauern durchkreuzen wir Gärten, die wohl mal Jagdrevier des Königs waren; Drei oder vier sind es an der Zahl, man geht aus einem hinaus, überquert die Straße (natürlich neueren Datums als der Garten) und betritt den nächsten. Wir gelangen bis an die Kutubia, dem Symbolminarett von Marrakesh. Wir sehen innerhalb des Parks Bildschirme zur freien Nutzung (wahrscheinlich muß man sich per Internet registrieren); Einige lachen, während sie Facebook benutzen, andere spielen virtuelles Billiard, auch wenn einige davon nicht einmal die Bildschirmhöhe erreichen. Es ist nun wieder an der Zeit, Material zu besorgen. Nach kurzer Beratung wählen wir den Obsthändler vom Vorabend, leider sind wir aber schon etwas spät dran und finden ihn nicht vor. Daraufhin haut Elio die erstbeste Person an (im wortwörtlichen Sinn) und stellt eine direkte Frage, sodass dem jungen Mann zunächst etwas unbehaglich ist, uns aber dann in einen Androne bringt, wo man uns nach einigem Verhandeln wieder über den Tisch zieht; Zumindest stimmt die Qualität. Wir treffen auf einen Jungen, der am Vorabend enttäuscht blieb, weil wir ihn nicht bezahlen wollten (wegen eines nicht angefragten und nicht in Anspruch genommenen Service) und Elio möchte das klarstellen. Zurück im Hotel verpasse ich Elio eine 3 zu 0 Niederlage in Backgammon (zugegeben: mit einer ordentlichen Portion Glück auf meiner Seite). Elio hat seit 15 Minuten nicht mehr gesprochen, abgesehen von einigen Wortfetzen. Dann schafft er es, sich wieder aufzuraffen und wir gehen etwas essen. Elio wählt einen Ort mit Speisekarte in zwei Sprachen: Englisch und Französisch. Wir betreten einen großen Saal mit weißen Sofas und unbefleckten Tischtüchern, aber auf meinen Vorschlag hin weichen wir auf die Terrasse aus, auf der die Aussicht zwar schön ist, die Hitze uns aber etwas zu schaffen machen wird. Die Gerichte sind erlesen, sehr gut und auch schön präsentiert. Wir nehmen Cous Cous mit Rindfleisch, Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln, Kichererbsen und teilen uns diesen Gang; Ich bestelle dann noch eine Taijin mit Rindfleisch, Zwetschgen und Mandeln, Elio nimmt Fleischspießchen und Pommes (ein Muß für Elio). Die getrockneten und nachher gekochten Zwetschgen haben obenauf Sesamkörner und sind ein wahres Erlebnis. Heraus aus dem Restaurant trinken wir zwei Gewürztees, den ersten davon mit intensivem Anisaroma (der Betreiber bietet uns auch eine Süßigkeit an). Den zweiten gönnen wir uns an einem Stand, der mit Nationalflaggen und Fotos vom Prinzen beklebt ist; Dazu sorgen traditionelle Instrumente für rauhe und kantige Musik. Es gibt Stammgäste, die wenig unter sich reden und einen stolze Standbetreiber, der den Blick nie senkt. Eine Teepause für Hartgesottene, die wir uns nicht entgehen lassen. Tatsächlich hat der Tee einen sehr starken Geschmack nach Gewürznelken. Wir beide schaffen es nicht, auszutrinken (auch weil ziemlich viel Bodensatz vorhanden ist). Die restlichen Dirham, die wir noch in unseren Taschen haben, investieren wir in getrocknete Früchte und Süßigkeiten eines Straßenverkäufers. Wir lassen uns auf ein unfruchtbares Verhandeln ein; mir fällt später ein, dass man bei Essen und einer weiteren Warenkategorie nicht verhandelt; Falls der Verkäufer will, gibt er etwas Extra, aber der gefragte Preis wird bezahlt. Wir gehen auf das Zimmer, weil Elio die schwere Schmach des 3 zu 0 am Nachmittag nicht auf sich sitzen lassen will. Er gewinnt sowohl bei Briscola als auch bei Scopa Scijata; Aufgrund der späten Stunde verzichte ich auf eine Revanche.

05. Dezember
Um 8.30 ist Elio bereits in Panik. Während er kackt, mache ich mich frisch und ziehe mich an. Wir machen die Rucksäcke zu und gehen los. Elio ist gut zu Fuß, so daß ich ihm den schwereren Rucksack gebe. Wir kommen 50 min. zu früh zum Abfahrtsort (unser Fahrplan hatte sich um 30 min. verfehlt). Wir nutzen die Zeit um eine Runde auf dem Bahnhof zu machen und uns die Essensstände anzusehen. Ich gönne mir einen Grüntee, der sich als köstlich erweist. Die Betreiberinnen des Standes wollen den Tee auch Elio schmackhaft machen, aber er lässt sich nicht verlocken. Stattdessen geht Elio, während wir auf die Abfahrt des Busses warten, in die Toilette und hinterlässt im Bahnhofsklo seine Markierung. Die Fahrt durch den Hohen Atlas nach Beni Mellal gestaltet sich angenehm ruhig. Wir fahren in der Nähe eines Stausees vorbei und halten in Beni Mellal, wo wir ein Brötchen essen. Von dort geht es weiter nach Kenifra. Als wir Informationen für Kenifra einholen verweist man uns auch auf häufige Zugverbindungen, aber leider sehen wir auf unserer Karte keine Zugstrecke vermerkt. Erst später erklärt sich die Sache. Die Stadt, die man uns anprieß, war Kenitra!!! Im Bus wiederholt sich monoton immer wieder dieselbe Musik, die Elio ab einem gewissen Zeitpunkt richtig nervt. Trotzdem muß ich einige Schlappen beim Kartenspielen einstecken, sowohl bei Briscola, als auch bei Scopa Scijata. Gegen Abend sind wir dann da und nehmen ein Zimmer in der Nähe des Busbahnhofs. Die Stadt erstreckt sich entlang eines Flusses und um vom Hotel aus ins Zentrum zu gelangen, muß man eine Brücke überqueren.
Sofort nachdem wir unser Gepäck im Hotel abgegeben haben, gehen wir Richtung Zentrum. Die Altstadt beschränkt sich auf nicht viel mehr als eine Straße, in der an diesem Abend Markt ist. Während wir den Markt durchlaufen, hält uns Ibrahim an. Ibrahim lebt seit 16 Jahren in Italien und ist nun hier, weil er derzeit nicht arbeitet; In Italien hat er jedoch zwei Söhne. Er ist sympathisch und offenherzig, zeigt uns die Medina. In einer Bar an einer Ecke in Marktnähe trinken wir einen Kaffee und dann gehen wir ins Innere des Marktes auf der Suche nach Ziegenfleisch, das wir braten wollen. Wir werden nicht fündig und stattdessen gehen wir in den oberen Stock einer Bar, wo wir dann eine rauchen. In dem kleinen Raum befinden sich zwei Mädchen. Ibrahim behauptet, dass die jungen Mädchen von Azrou und Kenifra alles Huren wären, ja, behauptet sogar, dass man sie für 100 Dirham die ganze Nacht haben könnte. Wie besessen wiederholt er das mindestens zehn mal in den nächsten knapp zwei Stunden. Er wohnt in der Nähe des Busbahnhofs und geht mit uns in diese Richtung. Gemeinsam essen wir gebratenes Huhn mit Reis. Irgendwann nähert sich uns ein Junge mit ausgedehnten Schuppenflechten. Er ist total ausgehungert. Wir bieten ihm eine Harira, eine Kichererbsensuppe, an. Zu Beginn sieht es so aus, als ob Ibrahim den 16-18 jährigen Jungen, der mit einer sehr schmutzigen Mütze, T-Shirt und Jeans herumläuft, kennen würde; Dann jedoch stellen wir fest, dass es das erste mal ist, dass er ihn sieht. Man hat den Eindruck, dass es wohl so einige junge Leute gibt, die die Schule aufgeben und als Außenseiter leben. Von einer Besserungsanstalt zur nächsten vertreiben sie sich die Zeit mit dem Schnüffeln von Klebestoffen. Nachdem wir den Ort verlassen haben, nehmen wir einen Grüntee und gehen zurück ins Hotel um zu schlafen.

06 Dezember

Aufstehen um 7.30, um 8.00 sind wir bereits am Bahnhof. Wir möchten den Markt von Azrou besichtigen, einer Stadt, die an der Kreuzung der beiden Hauptdurchzugsrouten des Landes liegt (eine von Nordost nach Südwest, die andere von Nordwest nach Südost). Am Vorabend versichert man uns, dass jede Stunde eine Autobus fährt, jedoch kommt der erste erst um 10 Uhr. Wir nehmen deshalb ein Taxi. Unser Frühstück besteht aus einer Art Blätterteig (ähnlich einer italienischen Piadina) mit Honig. Mit einem Siphon wird das Auto gewaschen und los geht´s . Im Grand Taxi sitzt auch ein junger Mann, der in El Ayyune lebt, aus Marrakesh stammt und auf dem Weg zu Verwandten nach Azrou ist. Er spricht gutes Englisch. Er fragt uns danach, wie schon so manch andere, ob berlusconi Verbindungen zur Mafia hätte. Danach sprechen wir über Fußball und andere Themen. Wir stellen fest, dass er ein Fan von berlusconi ist (kleingeschrieben, weil abwertend zu verstehen) und bei den Weltmeisterschaften zur italienischen Nationalmannschaft hält. Während der Fahrt bietet er uns an, das Gepäck bei ihm abzustellen, während wir auf den Markt gehen und uns zu begleiten. Angekommen, steigt er aus und wir verharren etwas zögernd im Taxi. Er geht uns zu Fuß nach und bringt uns zum Haus seiner Verwandten.
Das Haus besteht aus einem kleinen, mit einer etwa zwei meter hohen Mauer umgebenen Hof mit Gras auf dem Boden, das Bad ist getrennt von der Wohnanlage, weiter ein Arkadengang, der Wohnbereich besteht aus zwei nackten Zimmern, ausstaffiert mit Bänken und einer kleinen Küche, die von einer Gasflasche versorgt wird. In einem der beiden Zimmer befindet sich ein Fernseher. Verstreut befinden sich Decken und Polster, um den Aufenthaltsbereich in ein Schlafzimmer zu verwandeln. Die Tante von Youssef ist sehr höflich und empfängt uns mit Tee, Brot und Butter. Sie ist sehr einfach gekleidet, mit einem langen Rock bis zu den Fußgelenken und einer Küchenschürze. Nach dem Tee gehen wir hinaus und treffen auf eine weitere Tante von Youssef. Sie ist sehr erfreut ihn zu sehen und es liegt ihr am Herzen, uns ihre Gastfreundschaft anzubieten. Wegen ihres Alters geht sie gekrümmt und hat tiefe Falten im Gesicht; Trotzdem versprüht sie eine große Energie. Sie hat ein langes und geblümtes Kleid an, das bis zum Boden reicht. Wir schaffen es, uns dem Angebot zu entziehen und ziehen Richtung Markt. Die ersten Händler, auf die wir treffen, stellen direkt auf dem Boden neben der Straße ihre Gegenstände zur Schau. Daraufhin nähern wir uns der Marktgegend und wir sehen erste Stände. Es gibt einen Bereich der den Nahrungsmitteln und verderblichen Produkten gewidmet ist, dann einen für unverderbliche Produkte und einen für Friseure und Handwerker für Reparaturen von Leder oder Plastik. Wir kaufen Tee, eine Teekanne, Seife und Socken. Zurück vom Markt lädt uns die Familie Youssef zum Mittagessen und Übernachten ein. Schweren Herzens lehnen wir ab, gehen los und erwischen noch einen Bus, der uns durch den Antiatlas in den Norden nach Meknes bringt. Von dort nehmen wir einen Bus nach Ouzzane. Langsam beginnen wir auf die Bergkette des Rif aufzufahren, das den Norden Marokkos umgibt. Auf der Fahrt schlafen wir. Wir erwachen als wir in Ouzzane sind. Von dort nehmen wir schlussendlich die Verbindung zu unserem Endziel Chefchauen. Diesmal handelt es sich um einen Pullman einer „guten“ Buslinie: CTM; Neu, komfortabel, weiß und schnell!! Auf dem Weg bremsen uns einige LKWs, aber zu guter Letzt kommen wir an. Chefchauen erscheint nach der letzten Kurve. Chefchauen war für lange Zeit eine semitische Enklave. Nicht-Muslime und Nicht-Hebräer durften nicht eintreten. Diejenigen, die vor 1920 trotzdem gingen, kamen nicht immer zurück. Charkteristisch ist die blaue Farbe der Häuser. Die Stadt ist aber einem Wandel unterworfen, wie uns auch einige Einheimische bestätigen: Europäer kaufen alte Häuser auf, um Herbergen oder andere kommerzielle Einrichtungen dort unterzubringen, übertreiben jedoch mit der Farbe, die vorher eher hell war; Jetzt gibt es Gebäude, die sogar stechend blau sind! Einige behaupten, man benutzte die Farbe um die Häuser der Moslems von denen der Hebräer zu unterscheiden, wieder andere meinen, die zarte Farbe würde Insekten fernhalten.
Kaum aus dem Bus gestiegen wird Omar anhänglich. Er will uns Haschisch verkaufen und bringt uns in eine Pension, wir entscheiden uns jedoch für eine andere: Guernica. Dort ist Platz für eine Nacht. Da das Hotel eine schöne Terrasse hat nehmen wir gern an. Omar bringt uns dann zum Verhandeln in ein wenig entferntes Lokal; Eine anstrengende und zermürbende Angelegenheit. Danach gehen wir ins Hotel zurück. Am Abend gewinnt Elio beim Kartenspielen, plötzlich hat er aber einen Hänger und fällt fast vom Stuhl während wir das alles entscheidende Spiel Briscola spielen.

07 Dezember
Aufstehen mit Ruhe, ein guter Schiss und eine feine Dusche; Auch hier mußte sich Elio wieder wegen des warmen Wassers unterhalten. Wir hatten keine Dirham mehr und am Vorabend hatten wir nur Brot gegessen. Wir suchen ein anderes Hotel. Es wird ein Tag zum Abhängen. Wir wechseln etwas Geld und gehen was trinken. Wir treffen auf einen aufgeweckten Jungen. Wir trinken drei Orangensäfte und er sagt uns, dass er uns zeigen könne, wie man die Kif- oder Hanfpflanze schlägt und Haschisch gewinnt. Wir verabreden uns um drei. Inzwischen legen wir mit einer Ladung Tüten los, die uns so verdichten, dass man uns vergessen kann. Wir gehen ins Hotel um das Gepäck zu verlagern. Wir sehen, dass Youssef uns geschrieben hat und benutzen die Gelegenheit, ihm nochmal zu danken. Dann gehen wir ins neue Hotel. Auf dem zentralen Platz des Städtchens befinden sich neben dem Schloß (Kasba) einige Restaurants mit aggressiven Gästejägern, wobei uns einer beim Vorbeigehen jedesmal anhaut und weil er uns das Versprechen entlockt, einmal vorbeizuschauen sind wir gezwungen immer einen großen Bogen um ihn zu machen oder uns mit anderen Passanten zu schützen, weil er uns sonst immer wieder zum hinsetzen einlädt. JEDESMAL, ZU JEDER TAGES- UND ABENDZEIT! Auf dem Rückweg drängt sich mir einer auf, der um drei vor dem Hotel wieder auftaucht und ich habe Schwierigkeiten in abzuwimmeln. Am Morgen hatte ich einen quarkähnlichen Weichkäse mit saurem Geschmack gekauft und wir essen ihn auf der Terrasse. Auf den Straßen rauchen alle, hinter jeder Ecke, wo man sich auch umschaut. Um 15 Uhr gehen wir dann in die Siedlung El Kalaa um das Schlagen der Pflanzen zu sehen. Elio hält mit seiner Filmkamera alles fest. Praktisch legt man ein nylonstrumpfähnliches Tuch über einen Behälter, darüber die Pflanzen, die man dreschen will und darauf noch einmal ein Tuch, dieses jedoch ohne Löcher, d.h. undurchlässig. Wenn man die Pflanzen drescht, lösen sich ganz kleine Partikel, die sich nach dem Dreschen im Inneren des Behälters befinden. Dieses Pulver wird durch Hitze klebrig und die Paste, die man durch Pressung des Pulvers erhält ist dann das Haschisch. Während wir dort sind kommt eine Gruppe Franzosen mit denen wir uns auf kein Gespräch einlassen, nicht einmal während wir Tee und Mahlzeit (Linsen und Brot) zu uns nehmen, das von den Hausherren angeboten wird. Als wir gehen wollen verlangt die Hausherrin 200 DHM!!! Wir hatten 150 Dirham bei uns, mußten aber noch den Taxifahrer bezahlen, deshalb fertigen wir die Herrin nach kurzer Verhandlung mit 50 ab und machen uns zum Taxi auf. Bevor wir noch das Taxi erreichen zeigt uns der Junge ein Lager mit Pflanzen, die darauf warten, verarbeitet zu werden. Es handelt sich um mehrere Kästen, die ein Meter breit, drei Meter lang und ungefähr 50/70 cm dick sind!! Riesengroß! Im Inneren sind sie voller Marijuana! Die Rückfahrt gestaltet sich als äußerst spektakulär. Das Rif zeigt sich uns mit schroffen, aber nicht allzu steilen Seitenwänden; Die Erdfarben reichen von intensivem rötlichem Ocker bis hin zu mattem Ockergelb, es gibt verstreut Bäume und Gebiete mit niedrigstämmigen Bäumen. Viele Olivenbäume. In der Nähe der Städte gibt es größere Gartenanlagen zum Gemüseanbau. Bergspitzen folgen unregelmäßig aufeinander mit hochgewachsenen Bäumen in der Nähe der Spitzen. Es ist schön, Chefchauen anzufahren, von oben genießt man das unregelmäßige Straßennetz. Zurück in der Stadt, verlangt der Taxifahrer 200 DHM. Das Verhandeln gestaltet sich grausam und der Taxifahrer will nichts wissen vom Aussteigen; Ja, er gerät sogar etwas außer sich. Alles endet damit, dass wir dem Fahrer 200 geben und dem Jungen 50. Daraufhin suchen wir etwas zu essen außerhalb der Medina. Ich hätte gern Ziegenfleisch. Wir lassen uns eine Empfehlung geben und landen dabei im Restaurant eines Spaniers; Danach gibts noch Tee und dann ab ins Bett.

08 Dezember
Gemütliches Erwachen, wir drucken die Tickets über Internet und suchen den Fahrplan für den Bus. Heute wollen wir die Kasba sehen, die Moschee besichtigen, die die Stadt im Osten beherrscht und dann möchte ich Elio auf ein türkisches Bad einladen; Ich würde ihn dazu gern in eine Struktur bringen, die von Einheimischen benutzt wird, aber schlußendlich landen wir in einer Einrichtung, die von Einheimischen geführt wird, jedoch Spaniern gehört. Die Kasba ist geschlossen, sodass wir beschließen, Richtung Außenstadt zu gehen. Während wir gehen, stoßen wir auf das Haus eines Künstlers, der verschiedene Skulpturen fertigt, indem er dazu vom Wasserlauf Gebrauch macht, der vom Berg herunterkommt und neben seinem Haus vorbeirinnt. Daneben gibt es eine Bar. Wir trinken einen Orangensaft und gehen weiter, wir wollen bis zur Moschee mit Aussicht kommen. Während wir hinaufsteigen treffen wir auf den Jungen, der Omar während der Unterhandlung begleitet hat.
Wir erreichen die Moschee und wohnen dem Gebetsaufruf bei. Der Aufruf zum Gebet bewegt mich sehr, auch Elio ist beeindruckt. Auf der Straße zurück zur Stadt gehen wir durch einen Friedhof. Der Friedhof sieht aus wie eine ungleiche Anordnung von Gräbern, einige dermaßen alt, dass sie beinahe zerfallen. Wieder andere, neuer und aus Stein, haben diesselbe Form wie der Sarg, sind aber nach oben hin offen. Sie sind in etwa 40 cm hoch. Es gibt weiße, azur-blaue und gelbe. Zurück in der Stadt, essen wir und besichtigen die Kasba. Nach der Kasba gönnen wir uns das türkische Bad und nehmen unser Abendessen im Restaurant des aufdringlichen Kundenjägers ein. Elio nimmt Ziegenfleisch-Spießchen und ich eine Taijin. Nach dem Abendessen noch eine zähe Preisverhandlung für eine Decke (der Händler macht mir für Elios Verhandlungsgeschick Komplimente). Um uns an nichts fehlen zu lassen, suchen wir den Jungen auf und kaufen noch etwas Haschisch.

09 Dezember
Außerhalb des Hotels gebe ich mir noch ein anständiges Frühstück, um Chefchauen mit vollem Bauch verlassen zu können und nach einer Megatüte geht es los. Auf dem Weg nach Fez halten wir an um zu essen, auch hier wieder Tee und Sifon. In Fez brauchen wir einige Zeit um das Hotel zu finden, aber schlußendlich klappt es doch. Wir verlassen das Hotel und befinden uns mitten im Freitag Abend. Alles ist geschlossen und wir essen ausgesprochen schlecht. Vor dem Essen hetzen uns einige Jungen, die uns, ohne dass wir danach fragen, einige Abkürzungen zeigen; Zum Schluß erschöpfendes Verhandeln wegen der (Nicht-)Bezahlung. Von 280 handeln wir auf 50 DHM. Wir schauen bei Youssef, einen Freund den ich in Fez seit einigen Jahren kenne, vorbei; Er ist nicht da und wir verabreden uns für den nächsten Tag. Wir suchen den Teeladen meines Vertrauens auf in dem wir einige jungen Leute kennenlernen und spielen ein paar Mal Dame.

10. Dezember
Aufwachen und Rucksack packen. Noch eine schöne Dusche und wir gehen los. Wir frühstücken bei Bab B Shlud und zu guter Letzt schaffe ich es, Elio eine Koranschule zu zeigen!! Von dort wieder weg geben wir uns dem Shoppingwahn hin. Wir kaufen von allem ein bißchen. Wir essen in einem Restaurant mit Panoramaterrasse, das uns mein Freund Youssef empfiehlt. Nachdem wir das Restaurant verlassen haben reden wir ein wenig mit Youssef, lassen ihn unsere Einkäufe schätzen und zeigen ihm wie man Briscola spielt. Wir machen ein Spiel zu dritt und er gewinnt, danach geht´s ab ins Hotel und von dort nehmen wir den Bus, der uns zum Flughafen bringt.

* Der Kreativität Italiens sind keine Grenzen gesetzt: Offiziell muss man zur Ausreise mit Reisepass eine Marke kaufen. Immer wird das allerdings nicht verlangt. Claudio hat vielleicht einfach einen schlechten Tag erwischt …
** Hannes Schenk hat den Artikel von Claudio vom Italienischen ins Deutsche übersetzt. Nachdem wir einfach nicht dahinter gekommen sind, was bestimmte Kraftausdrücke auf Deutsch sein mögen, hat hirunda beschlossen, diese schweigend stehen zu lassen in der Hoffnung, dass niemand sich angegriffen fühlt 😉

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