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Geist und Natur

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Zen hat im Vergleich zu anderen spirituellen Richtungen eine tiefe Anbindung an die Natur, überhaupt eine tiefe Verbundenheit. Der Soto-Zen, in dem ich mich besser auskenne, hat sogar in seinem unmittelbaren Zentrum ein tiefes Verständnis von Natur.

So ist eine der wichtigen Erkenntnisfragen im Soto-Zen, die nach der Erkenntnis der eigenen Natur und der Geist-Natur. Gleichzeitig gibt es in der Zen-Kultur sehr idyllische Gärten mit viel saftigem, grünem Moos. Ich selbst habe darüber hinaus auch schon mal ein chinesisches Gemälde gesehen, welches ein kleine Schar von Wanderern in einer riesigen Landschaft darstellte. Die Tuschemalerei ließ die kleinen Menschen fast in der Natur aufgehen bzw. verschwinden. Es gibt also im Zen eine Natur pflegende Ader, eine Natur erlebende Ader und – ganz wichtig – eine Natur schauende Ader.
Auch in der Philosophie gibt es eine theoretische und praktische Schau der Natur, welche versucht, das Wesen der Natur zu erkennen und auszudrücken. Die Natur wird bei den Griechen mit dem Begriff Physis wiedergegeben. Die Physis bedeutet im Kern ein Aufgehen des Unverborgenen aus der Verborgenheit, so Heidegger.
Im Mönchswesen des frühen und hohen Mittelalters spielt die Natur als kultivierte Form eine Rolle. Sie ist lebenspendend und umfangend. Sie ist aber vor allem auch nutzbar zu machen. Sie kann in vielerlei Formen durch Tinkturen, Tees und Bäder heilend zugeführt werden und vermag die verschiedenen Unausgeglichenheiten des Körpers zu regulieren. Im Mittelalter gab es in einigen Regionen weniger Wälder als heute. Es gab stattdessen dort Felder, die Generationen vorher den Sümpfen – vielleicht auch alten Urwäldern – abgetrotzt wurden. Man kann sehr oft auch schon im Mittelalter von Kulturlandschaften sprechen, wobei cultura Bearbeitung heißt. Der Mensch hat also im Mittelalter angefangen, durch das Anlegen von Feldern und die Entwicklung von Städten, die Landschaft als Ganzes zu bearbeiten, ja sogar zu gestalten. Dieser Gestaltungswille der äußeren Natur ist heutzutage üblich. Es wird nicht mehr gefragt, ob der Mensch sich nicht eigentlich eher der Natur anpassen müsste: Ob er also – gerade auch spirituell gesehen – sich selbst und sein Inneres der äußeren Natur anpassen sollte. In dieser, eigentlich richtigen, Haltung schmiegt sich das Innere des Menschen an die Umgebung an. So sollte es sein. Es gilt primär für das Verhältnis Natur/Mensch, sekundär ist diese Haltung überhaupt von Vorteil, ohne dass dem Menschen sein Selbst verloren gehen muss. Womit wir dann beim Verhältnis Mensch/Mensch und damit auch bei dem Verhältnis Mensch/Gesellschaft wären. Der Mensch ist selbst Natur. Dies zu entdecken, ist heutzutage eine der vordringlichsten Aufgaben. Denn der Mensch erkennt gerade im Wiedererkennen einer direkten Ähnlichkeit, dass der Andere ebenfalls Natur ist.
Bereits in der Antike ist auch, beispielsweise bei Platon, intensiv über die Gesellschaftsordnung als Naturordnung nachgedacht worden, was aus genau dieser Sichtweise resultiert. Sofern der Mensch also Naturwesen ist – und dies muss er sein – muss die Gruppe, in der er sich befindet und der er sich zugehörig fühlt, Regeln und Verhaltensweisen haben, die auf Natur und Naturordnung, auf natürliche Verhaltensweisen und -strukturen zurückzuführen sind. Genau die erkennen wir heutzutage kaum und nur rudimentär bzw. fragmentarisch. Zum Einen gibt es bei der Intelligenz und der Verständigkeit des Menschen und auch bei dem Hang zu Technik, Herstellung und Benutzung von Werkzeugen und Mitteln, eine Freiheit und Variabilität, die den Menschen überall aus dem Naturzusammenhang herausfallen lässt, zum Anderen scheint er sich, selbst bei der Erkenntnis von natürlichen Strukturen, im Weg zu sein, sofern die Selbsterkenntnis ohne einen hinreichenden Spiegel unvollständig, ja, unwesenhaft bleibt. Es gibt jedoch etliche Versuche und damit etliche Möglichkeiten, gerade auch in weiterer Synthese, einen Blick auf das Wesen Mensch, wie es objektiv in der Welt gefunden werden kann, zu erhaschen: Objektivierende Versuche, weisheitliche Angänge und Angänge einer Innerlichkeit, die auch objektiv verstanden werden sollte, insofern ein Schauender etwas erschaut. So gibt es die Theorie, dass der Mensch rein biologisches Lebewesen ist und dementsprechend als eine, den anderen Spezies auf der Erde ähnliche Spezies, betrachtet werden kann. Die besonderen, und zur Kultur führenden, Eigenschaften sind Eigenschaften, der Intelligenz und Differenziertheit des Denkens überhaupt. Sie befähigen zu hohen kulturellen Blüten, der Mensch erhebt sich aber nachweislich nirgendwo in Dimensionen, die ihn tatsächlich in die Transzendenz und damit in den eigentlichen Würdestand seiner Person, versetzen. In eins bedeutet das, dass das Leben in seinen kulturellen Formen weitestgehend kontingent (zufällig) ist. Gleichzeitig ist genau diese biologische Begrenztheit aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies der Grund für eine konkrete, menschliche Daseinsform: Der Mensch hat ein menschliches Gehirn und kann deswegen nur Welt und Selbst erleben, gestalten und sich in ihr verhalten, gemäß des in irgendeiner Weise menschlich begrenzten Gehirns. Niemand glaubt beispielsweise, dass wir diese Welt und uns selbst wie eine Fledermaus erfahren könnten. Die Erfahrung des Echolots ist keine, die wir uns zu eigen machen können. Wir können ein technisches Gerät benutzen, welches uns hilft, das Echolot als Werkzeug zu benutzen. Wir können uns aber nicht mit einem Echolot, das Teil des direkten Erfahrungsapparats (des Gehirns) ist, durch die Welt bewegen. Auf der Suche nach genau diesem Verhältnis von Offenheit für Selbst und Wirklichkeit, für die ganzheitliche Situation und eine geschichtliche Dimension, welche im aktuellen Jetzt immerzu wirksam wird, müssen wir genau diese biologische Gegebenheit zugrundelegen. Wir sehen sie aber schon in dieser Aufgabenstellung enthalten: Das Selbst setzt mit Notwendigkeit ein Gehirn voraus und darüber hinaus ein begrenztes. Die Wirklichkeit, gerade so, wie sie sich heutzutage gestaltet, zeigt in den zivilisatorischen Spuren allerorten die Offenheit, Flexibilität und die Differenziertheit menschlichen Vermögens.
Aus theologischer Sicht ist der Mensch Ebenbild Gottes. Er ist nicht Gott selbst, aber er ist ihm ähnlich. Er ist aber doch auch von Gott erschaffen worden und steht deswegen zwischen reiner Kreatur und Göttlichkeit. Reiner Leib und reine Seele gehen in ihm zusammen; es entsteht eine Einung von Seele und Körper. Gott der Allmächtige gießt etwas von sich selbst in den erschaffenen Menschen; Es kommt der Mensch mit seiner zerbrechlichen Leiblichkeit heraus. Er ist aber gleichzeitig derjenige mit einem hohen Potenzial. Er kann viele Dinge. Er verfügt über Tätigkeiten und Verhaltensweisen, über Denken, ja sogar über Weisheit, die bereits zu Zeiten der Bibel die Welt und auch die Natur zu einer Menschenwelt machen. Das Selbstverständnis des Menschen ist das einer personalen Welt, in der Menschen Berufen nachgehen, Rollen und Funktionen im Gesellschaftssystem übernehmen. Die Zeiten, wo der Mensch umfangen wurde von der Natur und konfliktfrei leben konnte (der Mensch im Paradies) wird in der Bibel kurz beschrieben, um dann der Menschenwelt mit all seinen sozialen Ansprüchen zu weichen. Wer die Bibel für seine heutigen Anforderungen nutzt, weiß um die vielschichtigen, sozialen und zwischenmenschlichen, Probleme die man mit ihrer Hilfe für sich selber aufbereiten kann. Dennoch ist der Mensch im Christentum nicht gänzlich ohne Natur. Die Natur umfängt aber nicht mehr den Menschen, sondern der Mensch nutzt für seinen natürlichen Leib die Möglichkeiten, die die natürliche Welt zu bieten hat. In den mittelalterlichen Klöstern werden die Gedanken und das Wissen der Antike bewahrt und gerade in der Medizin verwandt. Die Klosterspiritualität kennt viele Möglichkeiten mit Kräutern zu helfen und zu heilen. Ich kenne relativ gut die bendiktinischen Weisheiten: Neben den kräuterkundlichen Wissensgebieten wird versucht, den Menschen im Umgang mit sich selbst, innerhalb eines gemeinschaftlichen Ganzen, einzubinden und zu umfangen. Gästen steht diese Nähe zu einer heilsamen Gemeinschaft zu Zwecken der Selbstheilung offen. Selbstverständlich geht es bei den Benediktinern in erster Linie um die Hingabe an Gott im Gebet und an den Anschluss an eine christliche Gemeinschaft. Dennoch ist der heilsame Aspekt ein sehr wesentlicher. Nicht umsonst geht es um das Erlernen des richtigen Umgangs mit Zeit, die uns ja immerzu umfängt. Nicht umsonst soll der Mensch in eine Ruhe hineinkommen, die sein Dasein durchtränken soll und die ihn offen für Gott macht, der selbst wiederum das Heil schlechthin ist. In Gottesnähe und mit ihm verbunden, ist eine Heilung von dem Verlust des Paradieses möglich, eine rein leibliche oder psychische wäre nicht hinreichend. Der Mensch muss bis in seine Seele verwandelt und wieder hergerichtet werden. Die Verwandlung durch Gott, durch Christus, geschieht jedoch im geheimen. Sie ist aber gerade deswegen nicht machbar, sondern Gott gibt diese Gabe selbst in freier Weise. Das bedeutet erst einmal, dass der Mensch seit dem Verlust der Geborgenheit des richtigen und guten Verhältnisses von Mensch, Natur und Gott bis in die Grundfesten verletzt wurde und gerade deswegen nur von Gott bis ins letzte hinein geheilt werden kann.
Der Mensch kann jedoch ein ausreichendes Quantum an Heilung mit seinem Wissen und Können selber bewerkstelligen. Die Mittel und die Weisheit dafür sind ihm gegeben; Die Möglichkeiten stehen jedem Menschen, der daran arbeitet, offen. Die menschliche Schau seiner Innerlichkeit und die menschliche Schau des Inneren sind notwendigerweise mit den objektiven Beschauungen verbunden. Allgemein gilt diese Sichtweise als subjektiv, sie muss es aber nicht zwangsläufig sein. Im Gegenteil: Wenn wir objektive Ergebnisse von inneren Prozessen als wahr identifizieren wollen, müssen wir mit Notwendigkeit die inneren Prozesse ernst nehmen. Sowohl, was die Gefühle angeht, als auch die Gedanken selbst. Nicht nur die Strukturen des Denkens sind von einiger Bedeutung, sondern die Inhalte des Denkens sind selber strukturell und wichtig. Zwar gelten die Gedankeninhalte als beliebig, sie können es aber nicht komplett sein, insofern der Mensch menschliche Sachverhalte denkt. Sie sind ebenfalls nicht beliebig, sofern der Mensch seine Gedanken mit dem Prädikat ‚wichtig‘ versieht, sie sind es darüber hinaus nicht, insofern, als das Gehirn grundsätzlich auf die aktuelle Situation des Menschen mit Notwendigkeit eingeht. Selbst Orientierungen in die Zukunft oder Vergangenheit sind mit Notwendigkeit auch an die gegenwärtige Situation gekoppelt, mindestens insoweit ein vergangenes Problem jetzt verarbeitet werden soll oder alternativ ein zukünftiges zur Bearbeitung jetzt ansteht.
Dennoch kann es sein, dass die von sich aus ablaufenden Prozesse die Bewältigung der Aufgabe, sei es aus Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, nicht abschließen können. Dies kann aus mangelnder Kompetenz der inneren Routinen heraus resultieren. Oder aber die Situation ist dem Menschen unverhältnismäßig auferlegt. Sie passt nicht zu seinem Alter, seiner Reife, seiner Einordnung in Welt und Umfeld und so fort. Aus vielerlei Gründen gibt es unter anderem deswegen Techniken, die die Selbsterkenntnis und durch diese Selbsterkenntnis die eigenen Fertigkeiten verbessern. Die Innerlichkeit eines Menschen – überhaupt das ganze Dasein eines Menschen – ist jedoch ein Spezialfall: Der Mensch beobachtet nicht etwas außerhalb gelegenes mit festen Grenzen, die sinnlich und dann denkerisch untersucht werden können, sondern der Mensch untersucht sich selber. Er kann sich aber nicht zur Gänze erkennen, genauso wenig wie seinen Körper; ein blinder Fleck bleibt. Aber nicht nur das: Das Innere eines Menschen vollzieht sich in Zeit und Veränderung und Bewegung und deswegen kommt dieser Prozess nicht an ein Ende. Der Mensch begleitet sich selbst in seiner Veränderung, der Mensch wird sich selber beobachtend – was kein Tier tut. Der Mensch hat deswegen in seinem Inneren trotz aller festen Begrenzung etwas Unabschließbares. Erst einmal muss gesagt werden, dass der Mensch, sich selbst beobachtend, etwas identifizieren muss. Indem er dies tut, erfüllt er die Bedingung, ein Etwas zu identifizieren. Er identifiziert im Erkennen grundsätzlich etwas Eingestaltiges (selbst bei Mengen). Ohne dass er dem Gegenstand der Beobachtung eine Eingestaltigkeit, mit Grenze in sich und zu anderem, abringt, lässt sich das Beobachtete nicht erkennen. Er kann dieses Eins, diese Einheit ausdifferenzieren und unter mehreren Blickwinkeln und Gesichtspunkten betrachten und dadurch dem Ding, dem Sachverhalt eine Mehrdimensionalität geben, er muss dies aber dann in mehreren klaren Grenzen tun.
Je nach dem, was er betrachtet, kann er dies sogar in einem Gedankengang tun. Er bringt spätestens dann in seine Gedankeninhalte eine Entwicklung hinein und damit latent oder auch direkt einen Zeitaspekt. Ein Gedankengang vollzieht sich in Zeit. Auch wenn der Begriff in sich keinen Zeitaspekt beinhalten muss, ist der Gedankengang, in Sprache verfasst, mit einem Zeitaspekt verbunden. Ebenso die einzelnen Aspekte, die einander nicht widersprechen dürfen: Sie dürfen konträr sein oder oppositionell aber keinen, sich gegenseitig ausschließenden, Widerspruch beinhalten. Dadurch gibt es die Möglichkeit dem Begriff eines Sachverhaltes im Gedankengang eine Mehrdimensionalität, einen Korpus, zu geben und eine Entwicklung. Auf das Innere des Menschen, auf seine Erfahrung bezogen, wird das Denken dann zu einem echten Abenteuer. Gerade dann, wenn man in seinem Leben etwas auf den Begriff bringen möchte und sich selber in einer gewissen Hinsicht, ja sogar im ganzen Lebensvollzug verstehen möchte. Letzteres ist möglich über die wirkmächtigen Lebenssituationen und -bezüge. Es ist besonders dann möglich, wenn man die hauptsächlichen Wirkungsweisen seines eigenen Charakters kennt, die im eigenen Leben führend sind. Bei dieser Beobachtung ist es aber wichtig, gerade nicht festzuhalten oder zu fixieren. Geschriebenes kann schon einmal hilfreich sein, eigentlich soll sich aber durch die Nichtfixierung sowohl das Beobachten als auch das in der Regel komplexe Zu-Beobachtende entwickeln und verändern – und zwar wahrheitsgemäß. Da der Mensch das Beobachtete in der Weise des Beobachtens in sich aufnimmt, verändert er sich dadurch selbst. Das Nadelöhr einer verzwickten Situation zu finden, mit dem man durchkommt, ist sehr sehr schwierig, weil das Nadelöhr individuell wie unsere Lebenssituation ist. Durch wiederholtes Versuchen bekommen wir dennoch Fertigkeiten und Kompetenzen.
Nun ist es wichtig, zu erkennen, dass der Mensch nicht pausenlos denken soll. Es ist ebenfalls wichtig zu verstehen, dass Denkarbeit sehr anstrengend ist. Sie muss gerade deswegen, aber erst wenn man sich verstanden hat, aufgegeben werden. Da die Lebenssituationen unabschließbar sind, so lange man lebt, sind wir aber immer wieder aufgefordert, diese Arbeit zu leisten. Wie kommen wir zu Pausen? Wie erlösen wir uns von einer anstrengenden Tätigkeit? Wie kommen wir in unser Paradies zurück? Es passiert sehr oft, dass Menschen, die zu viel Denken, geistig zerfasern. Es geschieht, daß Menschen Kräfte in sich auslösen, die schwer zu kontrollieren sind. In der Regel geschieht dies aber nicht in der Philosophie und auch nicht im Zen. Die Ernsthaftigkeit und Nüchternheit, der Hang zum Bodenständigen – auch in der Fundierung – taugen nicht für eine Zerfaserung des Geistes. Die Emotionen, die man im Zen spürt, sind nicht von der Meditation gemacht, sondern sind die eigenen, die in der Regel auch schon vorher bestanden haben. Eine Regulierung, wie bei den benediktinischen Heilformen, war für den Menschen schon immer nötig gewesen.
Es lässt sich darüber streiten, ob der Mensch in seiner Göttlichkeit den anderen Lebewesen eine Ebene voraus hat oder nicht. Mein Zugang ist ein etwas anderer: Dadurch, dass der Mensch so intelligent ist im Verhältnis zu den anderen Lebewesen, und zwar mit einem deutlichen Abstand, hat er möglicherweise biologisch auch in seiner inneren Konsistenz eine Sonderrolle: Er muss den eigentlichen Geist, die eigentliche Substanz, im Verhältnis zu sich selber erst verwirklichen. Sie gehört zu seinen Wachstumsaufgaben und zwar im Verhältnis zu sich selbst. Je fragiler die Lebenssituation, desto wahrscheinlicher ist auch ein Zerbrechen, ein Auseinanderfallen, der inneren Konstitution. Dennoch kann genau dieses Auseinanderfallen zu einer Neuordnung führen. Um diesen möglichen Prozess zu begleiten beziehungsweise zu verhindern, müssen wir unserem Selbst eine Struktur geben. Da der Mensch Natur ist, hat er Selbstheilungs- und Wachstumskräfte. Beides führt zu einer angemessenen Existenz in der auferlegten Situation, beides führt zu einer Anpassung und Stabilisierung. Zu einem stabilen Selbst gehört aber auch Konfliktfähigkeit, so dass selbst Widrigkeiten genutzt werden können, um sich zu entfalten. Man muss aber wissen, was wann dran ist, und genau deswegen muss man sich Selbst und das eigene Umfeld und seine Umwelt kennen – genaugenommen das Ganze, indem man sich befindet.
Wo und wie kommen wir zu Pausen? Wo geschieht wahre Erholung? Wo bekommen wir Kraft und Energie her? Die Denktätigkeit gibt selber Energie, wie auch die körperliche Anstrengung des Sports dem Körper Kraft gibt. Wir müssen aber dennoch etwas tun: Wir müssen immer wieder die Sinne klären. Der Mensch als natürliches Wesen benutzt und bedient seine Sinne in sinnvoller Weise. Beim Festhalten des Außen mit dem Blick, dreht sich das Verhältnis der Denktätigkeit von einer Innenbetrachtung in eine Außenbetrachtung. Dieses Verhältnis hin und her wechseln zu können gibt dem Menschen seine eigentliche Kompetenz. Das gleiche gilt für das Hören: eine erhöhte Denktätigkeit in einer inneren Suche, muß durch aktives Hören im Außen ein Pendant finden. Der Wechsel zwischen diesen beiden Zuständen (auf das Innere hören oder auf das Außen) ist eine notwendige Fertigkeit. In beiden Sinnestätigkeiten wird man bei sensibler Beobachtung feststellen, daß körperliche Tätigkeiten teilweise damit einhergehen. Der Mensch steuert irgendwann bewußt, wenn er will, seine Sinne. Selbstverständlich tut er dies nicht die ganze Zeit, er sollte es aber können, wenn es wichtig ist.
Ein besonderes Verhältnis des Erkennenden ist das zum Körper. Man sollte versuchen, ihn als Ganzes zu fühlen und wahrzunehmen, obwohl die Aufmerksamkeit oftmals auf bestimmten Körperregionen, die auch wechseln können, liegt. Der Köper des Menschen wird also auch von Innen als bewegt wahrgenommen und das Bewusstsein ist beweglich in der Aufmerksamkeit in Bezug auf den eigenen Körper. Der Körper soll aber eigentlich gleichmäßig in seiner Ganzheit wahrgenommen werden. Der richtige Gebrauch der Sinne – und die Körperempfindung gilt hier auch als Sinn – sind notwendig für richtiges Denken. Gerade deswegen muss die Beziehung von Geist und Sinn in einem guten, aber flexiblen, Verhältnis stehen. Der gesunde und unbelastete Mensch, der in seiner Welt steht und aktiv ist, ist mit den Sinnen nach Außen gerichtet. Den Akzent auf die Innenschau zu legen ist sinnvoll in einer bestimmten Phase, die auch Jahre dauern kann. Ein Leben lang in einer Innenschau zu verbringen ist nur sinnvoll (und dann eben auch gut), wenn die Lebenssituation es zulässt und die Innenschau gewollt ist. Das Wechselnkönnen in die Außenschau ist aber eine wichtige Fertigkeit, deren Fehlen einen Mangel bedeuten würde.
Wenn also der Mensch sich selbst als lebendiges und empfindendes Naturwesen erkannt hat, worauf sollte er seine Sinne im Außen richten? Auf die Natur. Auf natürliche Dinge wie Steine und Erde, auf Pflanzen, gerade auf alles unbewegte, um die innere Tätigkeit zur Ruhe kommen zu lassen. Der Mensch ist biologisch/systemisch mit einer organischen Umwelt verknüpft – seit Zehntausenden von Jahren. Er findet also dort über seine Sinne, über sein ganzes Dasein den eigentlichen und direkten Zusammenhang. Er wird von der Natur eingebunden und geborgen. Bei einem längeren Aufenthalt in der Natur stimmt sich der Mensch wieder in diesen Zusammenhang ein, das Denken wird ein natürliches.
Dieses Einfinden muss aber auch erlernt werden. Sich selbst gut zu kennen und einen guten Umgang mit sich zu haben, ist eine notwendige Voraussetzung. Es geht darum, Selbstkompetenz und Selbstfertigkeiten aufzubauen. Das Verhältnis Natur/Mensch mündet letztlich, soweit ich es auf meinem bisherigen Lebensweg erspüren kann, in eine Allgemeine Identität.

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