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Berührung (fußend auf Heidegger)

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Woran denkt eigentlich eine philosophische Betrachtung bei dem Thema ‚Berührung’?
Zuallererst meinen wir mit Berührung die körperliche Berührung. Allerdings kann die Berührung mit den Händen und auch mit den Fingerspitzen erfolgen. Sie kann genau genommen mit jedem Körperteil erfolgen, da der gesamte Körper über die Haut und die darunter liegenden inneren Nerven zur Empfindung fähig ist und deswegen eine Berührung von etwas an jeder Stelle auch gespürt werden kann.

Über die körperliche Berührung hinaus kann es zu Nähe auch in einer direkten Berührung auf andere Art kommen. Die Nähe des Anderen kann gespürt und erfahren werden, sowohl in der körperlichen Berührung als eben auch ohne.
Zunächst kann Nähe auch durch die Augen vermittelt werden. Das Sehen des Anderen vermittelt über diesen Sinn die Anwesenheit der anderen Person und damit die Nähe, die nötig ist, um von einer Verbindung zu sprechen.

Das Wissen um die Nähe in einem rein geistig abstraktem Spüren und Wissen sorgt für eine sehr tiefe Nähe:
Wie eine Naht zwei Flächen miteinander verbindet und dadurch für Nähe sorgt, sind zwei Wirklichkeitsfelder miteinander verknüpft. Die Wirklichkeitsfelder, welche eigentlich in getrennten (sozialen) Systemen unabhängig in Wirke sind, werden so miteinander vernäht, daß sie unabhängig vom Stoff ein gemeinsames, eventuell heterogenes Wirkungsfeld entfalten: Die beiden Systeme bringen durch den Zusammenschluß ein neues Wirkungsfeld mit größerer Wirkungskraft hervor.

Die Naht, die wie eine Narbe wirkt, wird so zum Spender einer neuen Systemwirklichkeit, deren Wirkungsweise sich organisch neu entfalten muß und zu energetischen Entfaltungen führen kann, deren neue Realität vorher nicht ahnbar war.

Wie kann die Naht aussehen? Wie kann die Naht Narbe sein? Wie werden zwei Lappen so verbunden, daß der Zusammenschluß zu einem größeren Ganzen ein sinnvoller, funktionstüchtiger Beitrag zu einem Kleidungsstück ergibt, dessen Funktionalität den Sinn für den Gebrauch in sich trägt und gleichzeitig das Zusammengefügtsein in einer handgewirkten Harmonie in sich birgt?

Durch die Naht werden die zwei Lappen so miteinander verbunden, daß der eine Stoff über dem anderen liegt. Die Verbindung bedeutet auch ein gemeinsames Territorium. An der Stelle der Naht ist der Stoff mit Notwendigkeit dicker, aber so, daß dessen andersartige Beschaffenheit zum eigentlichen Stoff, der getragen werden soll, auch ertragen werden kann. Dies ist gleichzeitig die Stelle, die zusammenhält: Auch über die ganze Spanne, die der Stoff über die gesamte Körperfläche hinweg bedecken muß – oftmals in direkter Anpassung an den Körper.
Die Stoffe können dabei ganz verschiedener Art sein, sie würden doch in der gesamten Spanne eine mehr oder minder gemeinsame Wirkung auf den Gesamtkörper entfalten – allein schon durch den, den Körper teilweise bedeckenden und umhüllenden Zusammenschluß.

Zwei Menschen, die zusammengefügt werden und über Nähe verfügen, deren Naht aber eine Verbindung mit unregelmäßigen Eigenschaften bedeuten kann, wie beispielsweise Ungleichheiten in der Dicke der Stoffauflage auf dem Körper, verfügen dadurch mit Notwendigkeit auch über ein gewisses Maß an Leiden. Sie verfügen aber trotzdem im Regelfall zusätzlich über ein gewisses Maß an Passgenauheit, sowohl hinsichtlich des Gebrauchs als auch hinsichtlich ihrer Eigenschaften für sie selbst.

Zwei Menschen, die dem Gebrauch nicht standhalten, die auf der anderen Seite nicht benötigt werden, die nicht passgenau sind und auch in sich selbst verwickelt und verwunden sind, müssen – wie die Kleidung – geöffnet, getrennt und wieder zusammengefügt werden, um den Anforderungen unter realen Bedingungen gewachsen zu sein.
Dem Gesamtkorpus gemäß können sie sich sonst nicht verhalten.

Aber nicht nur die Naht zwischen zwei Menschen schafft Berührungen und auch nicht nur das weiter oben kurz erwähnte visuelle Verbinden.

Das Hören beispielsweise schafft ein tiefes Band des antwortenden Verhaltens. Im Horchen und Gehorchen, sofern ein Schnitt die Kleidungsstoffe passgenau auf den Gesamtkorpus anschmiegt und sofern dieses Hören eine Naht bedeutet, ja sogar diese selbst ist, verbindet sich ein Denken über Sprache mit einer Handlung und bedeutet eine einander zugewandte Haltung.
Diese gemeinsame Haltung ist genaugenommen innerhalb dieses Sinnenreiches das Kleidungsstück, das maßgeschneidert wurde.

Im nicht zielgerichteten Hören, auch schon im nicht interpersonalen Horchen scheint darüber hinaus ein Umgeben-sein-von-Welt als Hülle auf. Durch das Rundum-Hören-Können können wir den Raum als ein Meer von Luft erspüren. Wir empfinden die Luft durch Klang und Geräusch.
Die Stille selbst kann nahezu manifest werden, wenn wir ihr horchen und auf sie lauschen. Sie ist in konzentrierten und gebannten Minuten selbst der umgebende Raum. Die Substanz des Raums ist die Luft in Stille.

So kann man oftmals in Meditationsräumen gerade im gemeinsamen Sitzen mit Anderen diese geballte Athmosphäre empfinden. Es ist kein wetteifern, sondern jeder legt seinen Geist gleich einem aktiven Scheit in den gemeinsamen Raum, den es auszufüllen gilt. Und die Scheite in der Entwicklung einer längeren Meditationsphase legen ihren Wirkungsbereich übereinander und verbinden ihn.

Wir sind nun an einem Punkt, wo Geist und Psyche zusammen wirken und sich mit den Wirkungen Anderer meditativ verbinden.

Die Innere Psyche ist eine innere Bewegtheit, deren Bewegungen auch inneren Bezüglichkeiten entsprechen. Die Emotionen wechseln in verschiedenen Phasen einander ab und setzen dafür den situativen Grundstein für eine bestimmte Art des Verhaltens. Das jeweilige Verhalten ist immer auch von einer vorherrschenden Emotion in seiner Art und Weise geprägt. Durch den Wechsel von einem Gefühl zu einem anderen, kommt es zu Stilbrüchen innerhalb von Verhaltens- und Handlungsketten, die aber zumeist moderat verlaufen. Diese Wechsel vollziehen sich in Zeit und sind sicherlich teilweise von außen motiviert, sie sind aber doch in der Regel Eigenproduktionen, die einfach von einer Mehrschichtigkeit auch im Gefühlsspektrum zeugen. Aus meditativer Sicht gilt jedoch, diese einander abwechselnden Gefühle im Ausschlagpegel zu nivellieren: Keine zu großen Gefühlsschwankungen innerhalb der Inneren Psyche, dafür aber die Gefühle in ihrer leisen Feinheit wahrnehmen.

Neben den wechselnden Gefühlen gibt es ein Grundgefühl auf dem das situative Gefühl aufsitzt. Das Grundgefühl ist das Gefühl, welches die leitende Färbung überhaupt für Verhalten mitgibt. Es färbt das Selbstverständnis und wechselt wesentlich seltener.

Die Innere Psyche ist in ihrer Bewegtheit der Motor für viele Gedankengänge. Die situativen Gefühle reagieren mehr auch auf ein konkretes Außen. Die Gedankengänge, welche auch der Verarbeitung und der Lösung von Verständnisaufgaben dienen, hängen in vielerlei Hinsicht von den situativ aufkommenden Gefühlen ab. Sie sind ebenfalls in ihrem Stil und auch in ihren Verknüpfungen und Zielgerichtetheiten emotional beeinflußt.

Die Innere Psyche hat durch diese wechselnden Befindlichkeiten eine große Vielschichtigkeit, die man erst im Laufe eines längeren Beobachtens schätzen lernen kann.
Die Äußere Psyche ist bereits erkennbar in den Reaktionen auf die Außenwelt. Die Reaktionen zeigen bereits die Art der Verbindung an und worauf man reagiert.
Die andere Verbindung ist das Grundgefühl, die Grundhaltung, die grundsätzliche Verfaßtheit. Wir sind hier bereits thematisch in einem Sprung, der in den Geist verweist. Das Selbstverständnis trägt in sich den Verweis auf das In-der-Welt-Sein des einzelnen Menschen; seine vielfältigen Verbindungen finden in ihm seinen Widerhall. Das Beieinander-Sein der vielen Wesen zeigt sich in den vielfältigen, wesentlichen Bezügen; das Gepräge des Selbst ist selbst eine Formung des Geistes durch den Geist.

Das Selbstverständnis und das Geistverständnis sind die Summe und in der Regel die herrschende Summe des Verständnisses überhaupt.

Je mehr Identität in diesem Verständnis liegt, desto weniger Bewegtheit liegt im Geist.
Das eigene Gesamtverständnis wird jedoch überstiegen, in dem durch Integration von weiteren Erfahrungsfeldern das sich aufsummierende Gesamtverständnis ab einem bestimmten Punkt nicht mehr innen sein kann und sich dadurch selbst übersteigt und in der Umgebung, also im Außen, mit Notwendigkeit in etwas Höherem und Größerem aufgehen muß – und dies eben auch in einer konkreten Erfahrungswelt; Auf der anderen Seite Folgendes im Ausloten des eigenen Inneren: die innere Erforschung vertieft sich im Berühren eines aufgrund seiner Feinheit nicht mehr zu Identifizierendem, eines nicht Benennbaren.

Anders gesagt: Im Erkennen der eigenen Existenz, in größtmöglichem Erfassen des eigenen Wesens sowohl im Ausgreifen auf Wirklichkeit als auch in einem Tiefer-werden, spiegelt sich das Erkennen einer Gesamtexistenz, die alles Seiende durchtränkt und durchflutet;
Die Berührung des tiefsten Inneren ändert den Grund des eigenen Daseins und damit auch das, was auf diesem Grund gründet.

Nun ist der Mensch, wie jedes Lebewesen, an einem bestimmten Ort und in bestimmten physiologischen Grenzen. Die gesamte Außenwahrnehmung erfolgt über die Sinne, deren Dienste letztlich im Gehirn, dem Zentralorgan wahrgenommen werden. Das Innere obliegt den inneren Nerven und die Schau des Gedanklichen ist unmittelbar ein Erkennen innercerebraler Tätigkeiten.

Aus diesem Grunde kann mit einigem Recht gesagt werden, daß wir hinsichtlich der nach Außen gewandten Sinne in die Welt hinein wahrnehmen, daß wir mit allen Sinnen, die auf Ferne gerichtet sind, hinauslugen in diese unsere Umgebung, die gleichzeitig primär unsere Welt darstellt.

Mit dieser Sichtweise ist ein Perspektivwechsel vorgenommen worden (sogar ein wissenschaftlicher). Man steigt quasi aus dem eigenen Leib in eine Objektivierung. Aber in was für eine? Man denkt in der Reflexion über eine vergangene Sinnestätigkeit nach. Die Reflexion, ein Auskoppeln des Gedanklichen aus der aktuellen Tätigkeit, ist aber notwendig zur Klärung von tieferen und länger andauernden Zusammenhängen. In ihr wird die Denkkraft zum Werkzeug. Dieses Werkzeug sieht aber gerade von der eigentlichen Sinnestätigkeit weitestgehend ab.
Sie ist gerade nicht in einem primären Sinne Sinneswahrnehmung und ihre Frucht kommt auch nicht gleichzeitig mit der Sinneswahrnehmung zustande. Das heißt, die Behauptung eines Hinauslugens in die Welt ist eine Verwechslung der Reflexion mit der Sinneswahrnehmung. Desöfteren führt diese Verwechslung auch zu einer gleichzeitigen Überlappung beider Tätigkeiten.

Aus der Tatsache der Verwechslung und der daraus resultierenden Überlappung folgt gerade, daß wir nicht hinauslugen, daß unsere Verbindung zur Umgebung, überhaupt zu Welt auch nicht porös ist. Das also der Weltzusammenhang, in dem auch wir eingebunden sind, nicht wie durch einen Filter vermittelt wird, sondern, wie es jedem Lebewesen zusteht, direkt und unmittelbar gegeben ist.

So geschieht also in allen Sinnestätigkeiten, in aller Wahrnehmung, wie weiter oben gesagt worden ist, Unmittelbarkeit und damit unmittelbare Berührung von Welt und Mensch.

Neben allen möglichen Berührungen aller verfügbaren Sinne und auch vieler geistiger Gehalte kommt der tatsächlichen Berührung zweier Menschen besondere Bedeutung zu. Gerade die Berührung zweier Liebender mit allen Sinnen, einschließlich des Tastsinnes, setzt in der unmittelbaren Zuwendung eine permanente Nähe. Die Berührung erfolgt in jeder Situation in der Anwesung des verbundenen Geliebten. Die seelische Nähe findet Ausdruck in der Intensivierung der Anwesung des Partners. In unperfekten Lebensphasen oder auch nur in unperfekten, kürzeren Phasen geschieht dies oft in einer gespürten Beunruhigung der eigenen Verfaßtheit, und auch der Störung der Bezogenheit.

Wenn die Sinne aber offen und die Reflexionsphasen bzw. die Denktätigkeiten nicht belastet sind, dann eröffnet sich das ganze Spektrum direkter und unmittelbarer Sinnlichkeit. Die innere Haltung erfaßt in Übereinstimmung mit der Situation die Schönheit in der Weise des Schönen. Die Schönheit wird dadurch angemessen im Gesamt verwirklicht. Die Schönheit findet sich in den vielen Facetten der Lebenswirklichkeit wieder: In etlichen Komponenten, die von Relevanz sind für die Lebensverwirklichung und zur Entwicklung von Schönheit und Anmut beitragen.
So kann ein Leben Zweier auf vielerlei Stufen und in vielerlei Hinsicht in Schönheit verbunden, verwoben und eingebunden sein.

 

 

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